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Boxhamsters - 2009-09-22

Revolutioniert haben die Boxhamsters im Laufe ihrer langjährigen Karriere fürwahr genug, anno 2009 reicht es da mitunter auch schon mal, Regierungen in wenig betonten Nebensätzen zu stürzen. Und auch wenn das nach einer nunmehr fünfjährigen Pause erscheinende "Brut Imperial", mit dem die Boxhamsters nun auf 'Unter Schafen' debütieren, an so mancher Stelle leicht verschroben wirkt, versetzt einen doch bereits dessen Eröffner "1982" ganze 18 ("Tötensen") beziehungsweise 19 Jahre ("Der göttliche Imperator") Jahre in die Vergangenheit zurück. Und irgendwie liegt hier sogar Abenteuer in der Luft: erste Zigarette, erstes Bier, erster Tiefschlag.
Ehrensache also, dass wir die Boxhamsters, eine Band, der wir die Überwindung von so manchem Tiefschlag verdanken, zu ihrem neuen Werk befragen. Geht es um die blanke Abwicklung und Realisierung dieses Interviews, hat mich ein Co. sicherlich des Öfteren verflucht. Nichtsdestotrotz: Tausend Dank nach Gießen und auf ein baldiges Wiedersehen. Jetzt sind wir alle frei!


SJM: Hallo Co, im Fall von "Brut Imperial" habt ihr zum ersten Mal in der Bandgeschichte der Boxhamsters ganze fünf Jahre zwischen zwei Veröffentlichungen verstreichen lassen. Wie kam es eigentlich zu dieser langen Pause? War ganz konkret angedacht, dass noch einmal ein neues Boxhamsters-Album entstehen sollte oder hat sich das "einfach so ergeben"?

Co / Boxhamsters: Hallo Dennis! Spätestens im 3. Jahr nach einer Veröffentlichung wird die Band gelangweilt und nervös. Dann passiert es einfach wieder. Den 4-Jahres-Plan wollten wir wieder halten, aber durch Studioumbauten und andere Verpflichtungen bei Olaf (Opal) hat es halt länger gedauert. Aber es hat ja niemand auf uns gewartet und wir müssen ja nicht...

SJM: Euere letztes Album "Demut & Elite" erschien ja seinerzeit auf Lado Musik. Wie kam es nun zu der Zusammenarbeit mit Timo von 'Unter Schafen'? War das eine Zusammenarbeit, die schon seit längerer Zeit ins Haus stand oder habe t ihr nach den Aufnahmen von "Brut Imperial" ganz klassisch Demos verschickt und seid auf Suche gegangen?

Co / Boxhamsters: Nein, Demos verschicken mussten wir noch nie - nach der Pleite von Lado kamen mehrere Labels auf uns zu und fragten nach unserer Zukunft diesbezüglich. Das fing schon 2006 an und so hatten wir jede Menge Zeit, uns das passende Label auszusuchen. Alle Bewerber waren grundsymphatisch - vielleicht liegt es daran, dass Timo und ich schon vor über 15 Jahren mit Boxhamstersplatten für seinen einstigen Bauchladen gewurschtelt haben...?? Ich freu mich jedenfalls über die reibungslose Zusammenarbeit, nichts, was nicht passt.

SJM: Warum habt ihr euch letztlich für 'Unter Schafen' entschieden? Ihr macht euch ja generell sicherlich viel Gedanken über solche Dinge wie Label-Politik und dergleichen. Was von der 'Unter Schafen'-Politik repräsentieren die Boxhamsters als Band in besonderem Maße? Was für Gemeinsamkeiten bestehen da?

Co / Boxhamsters: Timo ist musikalisch sehr offen, das geht mir genauso. Also ist es gerade das, was ich als Politik bezeichnen würde, was verbindet.

SJM: Seit den späten Achtzigern und Neunzigern hat sich in der Hardcore-/Punk-Szenerie eine Menge geändert. Es gab Unmengen von Hypes und Trends; viele der Bands, die Jahre zuvor noch im Untergrund tätig waren, konnten auf einmal von der Musik leben und feierten Erfolge, die vorher unmöglich gewesen wären. Ihr seid ja noch mit den eher "klassischen" Werten aufgewachsen. Hand auf's Herz – was können die Boxhamsters mit der gegenwärtigen Hardcore-/Punk-Szene noch anfangen. Fühlt ihr euch irgendetwas noch zugehörig?

Co / Boxhamsters: Als 1993 die Industrie wie wild nach guten Untergrundbands suchte, waren sie auch an uns. Wir haben das glücklicherweise gelassen - deshalb gibt es uns noch. Aber spätestens mit der TUPPERPARTY Mitte der 90er haben wir uns bemüht, nicht so richtig in irgendwelche Punkschubladen einordnen zu lassen. Zugehörigkeitsgefühle zu irgendeiner Szene hab ich nicht wirklich, das ist aber auch eine Frage des Älterwerdenwollens...

SJM: Meiner Ansicht nach schreibt ihr auf "Brut Imperial" noch immer persönliche Musik, die Texte wirken aber im Vergleich zu früheren Werken weit reflektierter und irgendwie auch poetischer, wenn auch verschachtelter. Seid ihr in textlicher Hinsicht noch immer die Rebellen, die ihr zu Zeiten eines "Tötensen" oder aber "Der göttliche Imperator" noch gewesen seid? Oder sieht man das im Alter entspannter?

Co / Boxhamsters: Ich sag mal so: Viele Zeilen von heute hätte ich als 25-Jähriger gar nicht ausdenken können, da war der Horizont noch ein ganz anderer. Einer von hoffentlich vielen und mittendrin. Mit den Jahren lernst du, Dinge von außen zu beobachten - so ne Art "großer Blick", haha. Die Texte von heute sind sicherlich persönlicher...

SJM: Es gab Zeiten, da hätte ich euch in rein musikalischer Hinsicht als Punkrock bezeichnet, seit einigen Jahren seid ihr meiner Ansicht nach mehr Indie. Die Gitarren spielen eine weniger wichtige Rolle, dafür stehen andere Dinge im Vordergrund. Siehst du das ähnlich? Wie würdest du die Entwicklung der letzten Jahren in eigene Worte fassen. Gibt es einen roten Faden, der sich durch die musikalische Entwicklung der Boxhamsters zieht.

Co / Boxhamsters: Martin von EA 80 meinte über die Tupperparty: Dies ist KEINE Punkplatte. Er hat sie aber sehr gemocht...Die neue mag er auch sehr - vermutlich, weil es KEINE Punkplatte ist. Einen Gitarrenoverkill wie auf der TÖTENSEN würden wir heute nicht mehr mögen, wo alles zerrte und bruzzelte. Heute spielen wir im Studio anders. Olaf lässt ständig Spuren rückwärts laufen und solche Sachen...Die unwirklichste Krönung war das windschiefe Mellotron bei diesem absichtlich stumpfen Oi!-Song am Schluss....Hair! warning.

SJM: Mal in einem Satz für diejenigen, die "Brut Imperial" noch nicht kennen – was wird diese Leute mit dem neuen Album erwarten?

Co / Boxhamsters: Mir war wichtig, dass es ein bunter Strauss Blumen wird. Die Stücke sind extrem unterschiedlich und decken so ziemlich alles ab, was ich in Sachen Gitarrenmusik hinbekomme...

SJM: Gibt es Pläne, die ihr mit den Boxhamsters noch habt? Gibt es Dinge, die ihr noch verwirklichen wollt, wofür bisher aber immer die Zeit fehlte?

Co / Boxhamsters: Nein, Pläne haben wir überhaupt keine. Jeder steckt so tief in seinem Privatleben...wenn, dann hätten wir Dinge wie Auslandstour oder sowas eher früher verwirklichen können.

SJM: Was hört ihr eigentlich mittlerweile für Musik? Sind das eher zeitgemäße Dinge oder solche, die in eurer Vergangenheit wichtig waren?

Co / Boxhamsters: Bei Sonnenschein dudeln im Cabrio alte französische Chansons der 30er, zu Hause freu ich mich, wenn die Tochter meine alten E.L.O.-Platten entdeckt. Und selten genug hock ich am Klavier und klimpere die jazzigen Themen von Vince Guaraldi aus den PEANUTS-Filmen. Unser Bassist erarbeitet sich gerade die rockige Phase von THE WHO aus den 70ern. Früher ist das neue heute!

SJM: Gibt es etwas, das ihr gerne gesagt wissen wollt, was bisher noch nicht gesagt wurde? Letzte Worte?

Co / Boxhamsters: Traue keinem unter 30!

(Dennis Grenzel)