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Muff Potter - 2009-03-08
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MUFF POTTER haben ihn nehmen können – den Schritt, der die Band von der Indie-Punk-Band zum Major-Act hat werden lassen. Dass eben dieser Schritt keineswegs mit dem Wandel des eigenen musikalischen Selbst zu Gunsten der Bedürfnisse des Marktes
gleichzusetzen ist, bewies ein Album wie 'Steady Fremdkörper', auch wenn man zugeben muss, dass die nachhaltige Wirkung des letzten Longplayers ein wenig ausblieb. Dass sich MUFF POTTER jedoch auch anno 2009 gern noch als in musikalischer Hinsicht wandelbar begreifen, dafür steht nun 'Gute Aussicht', das neue Album der Band. Eines ist dabei bemerkenswert, ist 'Gute Aussicht' doch ein Werk, mit dem MUFF POTTER sogar eine Brücke vom Punk zum Indie schlagen. War nach 'Steady Fremdkörper' eigentlich eine längere künstlerische Schaffenspause angedacht, so erscheint nach gerade einmal eineinhalb Jahren schon das nächste Werk der Münsteraner. Wie es dazu kam, dass sich die Deutschpunk-Institution nun doch dazu entschieden hat, nach einer vergleichsweise kurzen Umbaupause ein neues Album zu veröffentlichen, berichtete uns Nagel von MUFF POTTER in einem recht aufschlussreichen Gespräch:
SJM: Seit 'Steady Fremdkörper' sind ja gerade einmal eineinhalb Jahre vergangen. Was hat sich – zumindest neben der DIE ÄRZTE-Support Tour und drei Festivalauftritte – im Hause Muff Potter in den letzten achtzehn Monaten getan, von dem wir unbedingt wissen sollten?
Nagel / Muff Potter: 'Steady Fremdkörper' erschien ziemlich genau zwei Jahre vor 'Gute Aussicht', im Mai 2007. Das ist viel länger, als es vielleicht nach außen hin wirkt. Wir haben 2007 sehr viel gespielt. 2008 haben wir bewusst weniger gemacht. Jeder hat mal sein Ding gemacht. Dennis hat Bands aufgenommen, ich bin 2008 sehr viel gereist, habe eine Single mit Chuck Ragan aufgenommen und veröffentlicht, Gastgesänge für Songs von Herrenmagazin, Kreator und Tortuga Bar beigesteuert und war auf Lesetour. Und natürlich haben sich das ganze Jahr über jede Menge Songideen angesammelt. Als wir im Herbst 2008 anfingen, neue Songs zu machen, sprudelte es nur so aus uns heraus.
SJM: MUFF POTTER sind ja eine Band, die stets präsent ist. Es ist ja nicht nur so, dass ihr in Hinsicht auf eure Veröffentlichungen nie lange auf euch warten lasst – ihr seid ja darüber hinaus und im Vergleich zu anderen Bands überdurchschnittlich oft auf Tour. Seid ihr der festen Überzeugung, eine Band muss in diesen Tagen derart fleißig sein, um sich immer wieder ins Gedächtnis der Fans zurück zu rufen oder besteht der "richtige" Weg darin, sich beizeiten auch mal rar zu machen? Welchen Weg gehen eurer Meinung nach MUFF POTTER?
Nagel / Muff Potter: Wie gesagt, auf mich wirkt das ganz anders. Wenn ich mir zum Beispiel den tourplan von Kreator gerade angucke – die sind fünf Monate mit ihrem neuen Album auf Tour. Es liegt wohl daran, dass Bands wie wir wegen der deutschen Texte auf ein relativ kleines Territorium begrenzt sind.
Ich halte jedenfalls nichts von Fleiß um des Fleißes willen – ich bin im Gegenteil der festen Überzeugung, dass es sehr wichtig ist, auch mal nichts zu tun, sich die Welt anzugucken, nachzudenken, nicht nachzudenken, zu lesen, ins Kino zu gehen, seine Tage zu verschwenden oder sich einfach nur zu besaufen. Andererseits habe ich aber nun mal einen gewissen Output, und der muss auch raus. Wenn es nach mir ginge, würde ich noch viel mehr Musik machen und veröffentlichen. So wie Pablo Picasso, der mit zunehmenden Alter unter dem Prinzip "malen gegen die Zeit" immer mehr Bilder rausgehauen hat.
SJM: Im Vergleich zu den letzten Longplayen wird 'Gute Aussicht' erneut auf dem bandeigenen Label 'Huck's Plattenkiste' veröffentlicht werden. Die Frage warum nicht auch eure neue Platte auf Universal erscheinen wird, liegt daher nahe. Gab es da eine bewusste Entscheidung, dem Major den Rücken zu kehren und die Verantwortung wieder in die eigenen Hände zu legen?
Nagel / Muff Potter: Wir wussten immer, dass das mit Universal nichts für immer sein wird. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, und jetzt machen wir es eben wieder selbst. Das Wissen, auch selbst Platten rausbringen zu können, hat uns all die Jahre über unsere Lockerheit und das Selbstvertrauen gegeben, das man als Band braucht, egal ob auf einem Major, Indie oder DIY.
SJM: Es gibt da ein Klischee, das ihr alle kennt, da ihr ja der Punk- und Hardcore-Szene entstammt: Früher sagte man, Major-Labels würden den Entscheidungsradius von Bands einengen und ihnen ihre künstlerische Freiheit nehmen, sie in musikalischer Hinsicht sogar verändern. Mal für MUFF POTTER gesprochen – ist an diesem Klischee etwas Wahres dran oder hat sich die Zeit auf Universal für MUFF POTTER sogar gelohnt?
Nagel / Muff Potter: Nein, wir haben nichts Schlechtes über unsere Zeit bei Universal zu sagen. Das war genau die richtige Entscheidung im richtigen Moment.
SJM: Eigentlich war ja geplant, dass ihr nach 'Steady Fremdkörper' eine längere Auszeit in Angriff nehmen wolltet. Wie kam es dazu, dass jetzt – nach eineinhalb Jahren - doch wieder ein neues MUFF POTTER-Album veröffentlicht wird? Ist das Leben ohne die Band derart langweilig oder gar sinnleer?
Nagel / Muff Potter: Wie gesagt, wir hatten ja eine längere Auszeit. Und für mich ist es tatsächlich eine völlig absurde und beängstigende Vorstellung, keine Musik mehr zu machen.
SJM: Es ist mehr so eine gefühlte Geschichte denn Faktum, das man am Musikalischen von 'Gute Aussicht' festmachen könnte, doch ich hatte beim Hören eurer neuen Platte zum ersten Mal das Gefühl, MUFF POTTER wären mehr im Indie beheimatet als im Punk. Empfindet ihr das ähnlich oder ist 'Gute Aussicht' für euch eine reine Punk-Platte?
Nagel / Muff Potter: Da denke ich wirklich nicht drüber nach, wenn ich Musik mache.
SJM: 'Gute Aussicht' besticht in musikalischer Hinsicht durch eine sehr ungewöhnliche, raue und basslastige Produktion. Rührt diese auch daher, dass ihr euch seit 'Heute wird gewonnen, bitte" wieder dazu entschieden habt, alle Songs live aufzunehmen? Wie kam es zu der Entscheidung für diese Vorgehensweise? Welcher Sinn steckt dahinter?
Nagel / Muff Potter: Der Sound der Platte ist auf jeden Fall das direkte Ergebnis unserer Arbeitsweise. Zum einen entstanden die Lieder in sehr kurzer Zeit, in wenigen, konzentrierten Sessions in angemieteten Ferienhäusern – deswegen klingen sie so frisch und spontan.
Zum anderen haben wir eben live aufgenommen, und zwar alle in einem Raum, ohne Trennwände, Kopfhörer und ähnlichem. Es war eine klassische Proberaumsituation, alle sitzen im Kreis und reagieren auf das Spiel des anderen. Natürlich ist das viel fehleranfälliger, aber genau deswegen eben auch lebendiger, als wenn man die Instrumente nacheinander aufnimmt. Der Song "Ich bin charmant" beginnt zum Beispiel mit einem Gitarrenverspieler von mir, der sich aber so gut zu diesem fiesen Monster von einem Song passt, dass wir ihn unbedingt drin lassen wollten.
Der dritte Punkt ist, dass wir mit Torsten Otto einen Engineer dabei hatten, der viel Erfahrung mit Mikrofonierung bei Live-Aufnahmen hat, was definitiv zu dem dichten, rohen Sound der Platte beigetragen hat.
SJM: Ist 'Gute Aussicht' für euch lediglich "eine weitere MUFF POTTER-Veröffentlichung" oder umgibt diese Platte für euch persönlich etwas ganz Spezielles oder Besonderes?
Nagel / Muff Potter: Im Moment ist es natürlich die neue Platte, zu der ich noch gar nicht die Distanz habe, um diese Frage beantworten zu können. Ich glaube aber, dass es eine wahnsinnig intensive und in gewissem Sinne harte Platte ist. Sie trifft den Nerv der Zeit, kommt mir aber gleichzeitig sehr zeitlos vor.
Auf jeden Fall klingt sie anders als das meiste, was man zur Zeit zu hören kriegt. Das Salz in der Wunde einer am Boden liegenden Gesellschaft. Endlich geht es wieder bergab!
SJM: Insbesondere ein Song wie "Rave Is Not Rave" erinnerte mich in musikalischer Hinsicht an eine Band wie JAWBREAKER. Ich denke mal, Bands wie SAMIAM, JAWBREAKER und LEATHERFACE sind maßgeblich verantwortlich für eure musikalische Sozialisation. In wie weit ist das auch nach all den Jahren MUFF POTTER noch so? Eure eigene Nische habt ihr ja schon längst gefunden, aber gibt es noch die Momente, in denen ihr ganz klar merkt, dass diese Einflüsse noch immer überaus wichtig sind?
Nagel / Muff Potter: Auf jeden Fall gibt es diese Momente noch. Einen Song wie "Die Party ist vorbei" würde es nicht geben, wenn ich nicht in letzter Zeit sehr viel schwarze Musik aus den 50ern und 60ern gehört hätte, wie Otis Redding, James Brown, Nina Simone und The Impressions. "Ich bin charmant" ist eine Verneigung vor den Wipers, "Alles war schön und nichts tat weh" ist inspiriert von einem Song der großartigen Hardcore-Band KURT aus Süddeutschland. So zieht sich das durch die Platte.
Unsere Musik entsteht nicht in luftleerem Raum, sondern reagiert auf das, was um uns rum passiert – mal bewusst, mal unbewusst. Mit den Texten ist es dasselbe.
Allerdings sind wir als Band so lange zusammen, dass wir uns keine Grenzen setzen. Wir wissen, dass es am Ende sowieso nach Muff Potter klingen wird und sind deswegen seit spätestens "Heute wird gewonnen, bitte" in der Lage, von schnellen Punkrock-Songs bis Singer/Songwriterésken Nummern alles auf einer Platte integrieren zu können.
SJM: Gebucht werdet ihr ja mittlerweile von Grand Hotel. Gab es nicht auch die Idee, 'Gute Aussicht' auf deren Label zu veröffentlichen? Rein musikalisch würde das doch denkbar gut passen, oder? Wiese wurde die Zusammenarbeit im Zuge eures neuen Albums nicht noch intensiviert?
Nagel / Muff Potter: Die Idee lag natürlich nahe, aber aus verschiedenen Gründen ist es dann anders gekommen. Die Verbindung zum Grand Hotel ist aufgrund der großen gemeinsamen Geschichte – Marcus Wiebusch kenne ich zum Beispiel ja schon so lange wie es Muff Potter gibt – und weil wir dort im Booking sind sehr intensiv.
SJM: Habt ihr eine vage Idee, wie lange ihr MUFF POTTER noch machen werdet? Habt ihr vielleicht manchmal sogar das Gefühl, es wäre jetzt alles gesagt und getan und dass es an der Zeit ist, das Kapitel zu beenden? Was bestärkt euch in diesen Momenten, eben diesen Schritt nicht zu tun?
Nagel / Muff Potter: Diese Gedanken habe ich eigentlich nach jeder Platte. Am Ende sind es dann immer neue Ideen, die den Ausschlag dazu geben, was Neues zu machen. Irgendwann ist das vielleicht mal nicht mehr der Fall. Aber ehrlich gesagt denke ich da nicht allzu viel drüber nach. So lange wir als Band Relevanz haben, machen wir zusammen Musik. Und im Moment habe ich das Gefühl, dass eine Band wie Muff Potter im Allgemeinen und eine platte wie 'Gute Aussicht" im Speziellen sehr viel Relevanz haben.
SJM: Insbesondere du scheinst dich ja mit MUFF POTTER und deinem Solo-Projekt bzw. deinen Lesetouren finanziell über Wasser halten zu können. Daher die Frage: Reicht dieses Einkommen für ein gutes Leben oder kann man sich damit gerade mal eben über Wasser halten?
Nagel / Muff Potter: Wir leben alle in Saus und Braus. Wie wir das machen, muss aber unser Geheimnis bleiben, sonst machen die anderen es uns nach!
SJM: Gibt es etwas, das ihr mit MUFF POTTER und 'Gute Aussicht' gern noch erreichen würdet, das euch bis dato jedoch noch immer verwehrt blieb?
Nagel / Muff Potter: Noch nicht drüber nachgedacht, aber wie wäre es mit Charts, US-Tour, eigenem Studio und noch mehr Geld?
SJM: Gibt es etwas, das ihr unbedingt noch loswerden möchtet und das bisher noch nicht gesagt wurde? Irgendwelche letzten Worte?
Nagel / Muff Potter: Im Gegenteil. Mir fällt es gerade sehr schwer, Interviews zu geben, weil ich das Gefühl habe, sehr viel in diese Platte reingesteckt zu haben. Ich glaube, 'Gute Aussicht" ist ein Monstrum, das ich selbst noch nicht zu 100% erfasst habe. Jedes Wort, das ich dazu verliere, fühlt sich an, als könne ich der Platte damit nicht gerecht werden.
(Dennis Grenzel)
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