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Sick Of It All - 08.03.2004 Köln, Live Music Hall
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Über Sick Of It All muss man wohl nicht viele Worte machen. Seid ca. 15 Jahren machen die Jungs um die Geschwister Lou und Pete Koller nun schon Musik und dürften wohl so manchen durch die Pubertät begleitet haben. Diese Band ist ein Urgestein in der Hardcoreszene und haben wohl schon so fast alles mitgemacht, was eine Band überhaupt mitmachen kann. Ein sichtlich vom Touralltag ausgelaugter, jedoch stets freundlicher Lou Koller stellte sich mir vor und wir spielten dieses Frage-Antwort-Spielchen. Angemerkt sei, dass sich das Gespräch kaum um die aktuelle Platte drehte, sondern eher um "Hardcore und Szene gestern und heute". Das ergab sich einfach so. Und es ist auch weitaus interessanter, Einblick in die Ansichten eines solchen Mannes zu bekommen. Finde ich jedenfalls. Man überzeuge sich selbst:
SJM: Oh man, ihr seid jetzt schon so lange in der Hardcore-Szene tätig. Gibt´s da überhaupt noch Dinge, die man zu sagen hat?
Lou: Nun ja, das kann man von 2 Seiten betrachten. Es geht darum, die Ideale dieser Szene zu wahren, gleichzeitig wird die Szene aber immer größer. Jede Szene wird mal größer. Das ist einfach so. Die Grundidee, die ich mit Hardcore verbinde, ist es, "open minded" zu sein. Und in diesen Tagen ist die Szene alles andere als das, insgesamt also ziemlich gespalten. Das ist ungefähr so: "Hey, ich mag melodischen Hardcore und gebe allem, was nicht unter diese Sparte fällt, keine Chance." Mensch, das sind Teile der gleichen Szene. Das sind wir.
SJM: Damit hast du mir die zweite Frage quasi auch schon beantwortet. Die lautete nämlich, was sich zwischen den Releases "just look around" und "life on the ropes" in der Szene an sich geändert hat...
Lou: Ja, schon. Das sind heut zu Tage meist Splittergruppen. Die Szene ist sehr gespalten. Jeder hat die Musik, die er gerne hört, und ignoriert alles um sich herum.
SJM: Okay, in wie weit seid ihr als Band in dieser Zeit gewachsen?
Lou: Unser Songwriting verbessert sich stets. Klar, je länger du ein Instrument spielst, desto besser kannst du auch damit umgehen und das verwirklichen, was du willst. Im Studio arbeiten wir weitaus besser zusammen als früher. Solche Sachen halt. Und was ich ganz wichtig finde: Wir verarbeiten musikalische Einflüsse besser, nehmen sie verstärkt wahr. Was am Ende bei den Aufnahmen herauskommt, ist aber immer 100%ig Sick Of It All.
SJM: Ihr habt in Zeiten Musik gemacht, in denen es ein "must not" war, auf einem Major Label zu sein. Ihr habt eure Erfahrungen diesbezüglich ja auch gemacht. Was sagst du dazu, dass in diesen Tagen unzählige von Bands einen Deal mit einem Major machen. Das scheint ziemlich normal geworden zu sein.
Lou: Ja, in diesen Tagen ist das schon akzeptierter. Wie du schon sagtest: Wir haben unsere Erfahrungen gemacht und zu der Zeit hieß es: "Hey, das ist ein Tabu und ihr macht euch alles damit kaputt." und "Ihr verliert euren guten Ruf total." Aber wir haben uns auch da nie verändert. Wir haben mit "scratch the surface" die härteste Platte aufgenommen, die wir jemals rausgebracht haben. Und heute haben kleine Labels eben Angst, Bands zu signen, die dann keine Platten verkaufen, weil man die ganzen Alben aus dem Internet bekommt. Es kostet nicht mehr 15 Euro, um eine Platte zu Hause zu haben, sondern, na ja, vielleicht noch einen Euro. Die Herstellung ist auch verdammt billig geworden, aber die Platten werden dennoch zu Hammerpreisen in den Läden verkauft.
SJM: Schwieriges Thema, was du da ansprichst. Was sagst du zu der ganzen Filesharing-Geschichte und was hältst du davon?
Lou: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist das irgendwie cool, dass die Hardcore-Kids einen Weg haben, um diese Preise der Majors zu umgehen. Auf der anderen Seite hingegen wird es immer der Schaden eines Künstlers oder einer Band sein.
SJM: Kann man in diesen Tagen eigentlich noch von einer `Hardcoreszene´ sprechen oder glaubst du, dass das nur eine riesige Menschenansammlung geworden ist, die zufällig die gleiche Art Musik hört? Kannst du das definieren? Was ist ´die Szene´ an sich?
Lou: Ich sage, dass es sie noch gibt. Ganz klar. Der Kern ist noch da. Das sind die Leute, die halt die Musik lieben und sie schon immer geliebt haben und die sie nicht hören, weil das jetzt irgendein Trend geworden ist. Hardcore kommt und geht. Das ist mit allen Dingen so. Wir spielen diese Art Musik jetzt schon so lange. Wir haben gesehen, wie Hardcore in den frühen 90ern sehr populär wurde, dann hat das Ganze einen Einbruch erlitten und heute, 2004, ist Hardcore wieder verdammt populär geworden. Aber es gibt auch Leute, die regelmäßig zu Shows gehen, egal, ob die Band nun gehypt ist oder nicht. Heute Abend kannst du das auch sehen. Das wird eine riesige Show. Letztes Mal, als wir hier gespielt haben, sind 900 Leute gekommen, heute Abend werden das schon 1300-1500 Leute sein. Also, man merkt schon, dass es da Ups und Downs gibt. Die Szene, die ich aus NY kenne, ist immer noch da, aber die ist auch zersplittert. Wir kennen uns alle und hängen zusammen mit Madball und Agnostic Front rum. Die Szene, die ich seinerzeit kennen gelernt habe, hatte zum Motto: "CBGB every Sunday." Das war so der Dreh- und Angelpunkt, den es jetzt aber schon lange nicht mehr gibt.
SJM: Mal in Kürze: Was ist die Hauptidee, die hinter "life on the ropes" steht?
Lou: Ja, da gibt´s zwei Ideen, die sich dahinter verbergen. Die Hauptidee ist das, was das Cover und auch der Plattentitel ausdrücken. Die beiden Kinder repräsentieren gewissermaßen die Schuldlosigkeit, die Unschuld. Und dann sind da noch die anderen Charaktere aus den Bereichen Religion und Politik, Drogen spielen auf dem Cover eine Rolle, das Teuflische. Auch Krieg. Und dann sind da noch die Leute, die Macht haben und mit dieser Macht alles kontrollieren. Eine zweite Idee ist die: Es geht um das, was die Leute über Sick Of It All sagen. Dabei spielt keine Rolle, wie berühmt wir nun sind. Wir waren nie ein "Major-Act", wir waren nie die großen Stars. Das streben wir auch gar nicht an und haben das auch nie getan. Wir sind kein Trend-Act. Sind wir nie gewesen. Viele wissen das bestimmt...
SJM: Nun, Old School Hardcore erlebt im Moment so ein gewisses Revival. Da gibt es Bands wie Give Up The Ghost, Modern Life Is War oder Between Us, die Old School auf eine melodiösere Art für sich interpretieren und damit wirklich erfolgreich sind. Was haltet ihr von diesem "Revival"? Habt ihr da eine Meinung zu oder ist das etwas, was SOIA nicht interessiert?
Lou: Mmh, na ja, wir kommen damit schon in Berührung. Man liest einen Artikel über eine Band, die ´wieder zurückkommt´. Zum Beispiel Madball. Okay, das ist gut, dass es die wieder gibt. Aber bitte vergleicht solche Dinge nicht mit unserer Band SOIA haben niemals aufgehört, Musik zu machen. Wir waren konstant aktiv und sind es noch. Wir machen Musik, die wir persönlich für sehr relevant halten. Wir kopieren ja auch nicht selbst unsere eigenen Platten, mit denen wir sehr erfolgreich waren. Wenn man sich unsere Bandgeschichte ansieht und die Platten kennt, dann wird man auch sehen, dass wir uns mit jeder Platte ein wenig verändert haben. Wir haben uns eben entwickelt.
SJM: Nehmen wir mal die Leute, die auf eine SOIA-Show gehen. Das ist doch bunt gemischt, oder? Da gibt´s die Leute, die mit euren Platten groß geworden sind und da gibt es jene, die durch MTV oder VIVA suggeriert bekommen, dass diese Art Musik auf einmal ganz ´cool´ ist. Was meinst du persönlich. Sind das 2 für dich gleichwertige Gruppen oder ist das nur eine?
Lou: Nein, das ist schon so, wie du gesagt hast. Das sind 2 grundverschiedenen Gruppen, die zu unseren Konzerten kommen. Und man merkt das. Genau sogar. Einer der Wege, wie du das herausfinden kannst, ist, indem du das Stagediving mal beobachtest. Du erkennst genau die Leute, die schon eine ganze Zeit dabei sind, denn die landen auf den Händen fast wie eine Feder, egal, wie hoch oder weit sie auch gesprungen sind. Die anderen (haut seine Handflächen gegeneinander) tun nur sich selbst und den anderen weh. (lacht)
Ich hoffe wirklich inständig, dass sich einige der Leute, die sich mit Hardcore nur beschäftigen, weil es gerade ein Trend ist, mal etwas genauer umschauen und sehen, worum es in dieser Szene überhaupt geht. In den Staaten, so könnte man sagen, hören die Leute Hardcore 3-5 Jahre ihres Lebens, andere dagegen sind für den Rest ihres gesamten Lebens dabei. Das ist in Europa wirklich erstaunlich, weil wir immer wieder Leute wiedersehen, die auch schon auf unserer ersten Tour (´92) da waren. Das ist eine großartige Sache!
SJM: Kurz und schmerzlos: Wir alle werden älter. Sind Sick Of It All noch Rebellen?
Lou: Ja, ich denke schon. Auf unsere Art eben. Klar werden wir älter, aber wir ziehen immer noch unser Ding durch Wir sind nicht gerade konformer geworden oder gar konservativ. Wir sind so, wie wir immer schon waren. Manche Leute sagen: "Hey, ihr werdet alt und feiert nicht mehr so hart wie früher." Aber jeder, der uns kennt, weiß, dass wir niemals viel und exzessiv gefeiert haben. Wir waren einfach, ja, "the way we are".
SJM: Was ist das für eine Kraft, die euch immer noch antreibt und die euch stets dazu ermutigt, weiter Musik zu machen. Wird dieser Drive immer da sein?
Lou: Puh, das ist schlicht und ergreifend die Liebe zu dieser Musik. Das ist ein Ventil. Etwas, was eine Menge Spaß macht. Einige sagen "You guys have the best job in the world." Das stimmt, aber wir sehen das nicht als Job an. Wir sind so gottverdammt froh, dass wir die Möglichkeit haben, das zu tun, was uns Spaß macht und dass wir davon mittlerweile leben können. Und das wird auch vorerst so bleiben. Wenn wir vier zusammen auf der Bühne sind "it just comes out great!" Wir könnten niemals mit anderen Leuten Musik machen, besonders nicht mit Sick Of It All. Ich könnte dir jetzt schon sagen, dass das nicht funktionieren würde.
SJM: Was würdest du tun, wenn es Sick Of It All nie gegeben hätte? Wie wäre dein Leben vielleicht verlaufen? ´Ne Idee?
Lou: Bevor wir so richtig angefangen haben, auf Tour zu gehen, so etwa 1989, habe ich als Grafiker gearbeitet. Ich habe meinen Job gehasst, aber es war ein Job und ich habe eben Geld verdient. Und wenn es Sick Of It All nie gegeben hätte, würde ich den Job wahrscheinlich immer noch machen. Ich würde mein Leben hassen, würde aber gut bezahlt werden. Nur wenn ich da an die Zukunft und die Rente denke...(lacht)
SJM: Habt ihr jetzt schon Pläne, was in der Zukunft passieren wird. Habt ihr schon Pläne, wie es mit der Band weitergeht?
Lou: Schon. Wir werden noch viele Shows spielen und diesen Sommer auf ein paar Festivals auftreten. Wir reden auch schon konkret über das Schreiben neuer Sachen, aber bis dato sind wir noch nicht dazu gekommen.
SJM: Okay, das war´s schon. Hast du noch irgendwas, was du gerne loswerden möchtest oder gesagt wissen willst?
Lou: Ja, und das wird das gleiche sein, was wir immer gesagt haben: Wir sind all unseren Fans so gottverdammt dankbar, dass sie all die Jahre zu uns gestanden haben. Habt ebenso viel Spaß auf den Shows wie wir! Und die gesamte Tour bisher war einfach eine Wucht.
SJM: Lou, besten Dank für deine Zeit.
Lou: Ich danke dir. Wir sehen uns gleich bei der Show.
(Dennis Grenzel)
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