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Schrottrenze - 01.03.2004
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WNatürlich will uns der Name glauben machen, wir hätten es hier mit einer Rumpelpunkband zu tun. Alles, nur nicht das, ist der Fall. Auch ich dachte so, bis ich die Musik dieser Band mit den ersten Tönen von der aktuellen "Belladonna" - EP kennen lernte. Auch ihr werdet euch wundern, was alles hinter diesem Bandnamen steckt. Ich war es auch, der dieser Band anlässlich ihrer neuen EP ein paar Fragen gestellt hat, damit wir alle etwas mehr über diese erfahren. Auch euch werde ich hoffentlich zu diesem oder jenem Konzert auf der Tour sehen. Alex, auf geht´s, oder?
SJM: Würdest du dich bitte kurz vorstellen und sagen, welche Aufgabe du in der Band übernimmst?
Alex: Ich heiße Alex und spiele Schlagzeug und singe bei Schrottgrenze. Dann ist da noch Timo, der Gitarre spielt und auch manchmal singt. Lars spielt die führende Gitarre und Hans den Bass.
SJM: Was gibt es über die Geschichte von Schrottgrenze zu sagen?
Alex: Es ging 1994 als Deutsch-Punk-Trio in der niedersächsischen Kleinstadt Peine los. Damals waren das Timo, ein verschollener Bassist und ich. Wenig später kam Lars für den Bassisten. Seitdem haben wir 3 Tapes, 3 EP's, und 4 Alben veröffentlicht und einige Auftritte gespielt.
SJM: Was machen die Bandmitglieder, wenn sie nicht gerade mit Musik beschäftigt sind?
Alex: Wir studieren alle. BVWL, Politik, Soziologie und Volkskunde. Ferner haben wir Freundinnen, fahren in den Urlaub, schauen Videos und gehen gerne Essen. Manche von uns beschäftigen sich auch indirekt mit Musik. Timo macht z.B. sein Label Rocktypen, ich sammle Tonträger, Lars produziert manchmal Bands, Hans macht Cover ...
SJM: Was mich interessieren würde: Wie und wann kam der Name "Schrottgrenze" zustande? Steckt da eine bestimmte Bedeutung hinter oder was habt ihr euch dabei gedacht?
Alex: Der Name entstand 1994 im Proberaum. Er war der beste auf einer endlosen Liste möglicher Bandnamen. Wir waren damals beinharte Deutsch-Punk-Fans und wollten einen Namen der möglichst müllig klingt und den es auf jeden Fall noch nicht gab. Ach ja und wir wollten uns dringend gegen andere ortsansässige Bands abgrenzen, die z.B. "Voice" oder "Topspin" hießen …
SJM: Mal ehrlich: Ich persönlich finde, dass der Bandname in eurem Falle der Musik im Wege steht. Erwartet man bei "Schrottgrenze" nicht deutschsprachigen Rumpelpunk der übelsten Sorte, den ihr ja nun mal nicht macht? Und meint ihr nicht, ihr macht euch so eine potenzielle Zuhörerschaft abspenstig oder verhindert dadurch sogar, dass eure Musik weitere Leute kennen lernen?
Alex: Danach fragen viele, aber es geht eigentlich. So sind immer alle überrascht was wir für Musik machen und der Name bleibt hängen. Das ist mir lieber, als wenn wir eine unbekannte Band namens "Etwas", "Neulich" oder "Echt" wären, die irgendwo im Dschungel der deutsch Pop-Understatements ungehört bleibt. Naja, wir haben uns mit dem blöden Namen arrangiert und erwarten sozusagen von den Menschen, dass sie das auch tun. Nach so vielen veröffentlichten Alben hat man einen Namen schon mal lieb gewonnen.
SJM: Die deutschsprachige Musikszene erfreute sich ja gerade in den letzten beiden Jahren erstaunlicher Beliebtheit. Wir haben da Bands wie Kettcar, Tomte, Muff Potter, The Wohlstandskinder oder auch Katzenstreik? Wie würdet ihr euch da verorten und wie seht ihr eure Chancen, euch in diesem Bereich durchzusetzen?
Alex: Eigentlich machen wir uns generell viel zu wenig Gedanken in welcher Sparte wir uns durchsetzen wollen und könnten. Die genannten Bands finde ich okay, obwohl ich die meisten gar nicht so gut kenne. Mit "The Wohlstandskinder" sind wir gut befreundet, die Leute sind sehr nett und die meisten ihrer Platten finde ich auch gut. Demnach hätte ich keine Skrupel, mich da im Moment in irgendeiner Weise zu verorten. Über Chancen kann ich nichts sagen, aber wir sind derzeit mit allem zufrieden.
SJM: Die nächste Frage wäre, OB ihr euch da überhaupt durchsetzen wollt. Ist das ein Ziel für euch oder welche Grundintention steckt hinter der Band? Wo wollt ihr hin und was wollt ihr erreichen?
Alex: In erster Linie gilt unser eigener Anspruch an unsere Musik, also dass sie uns gefallen muss. Rein hypothetisch könnte das im nächsten Jahr vielleicht eine ganz andere Richtung sein, deshalb lässt sich auch die Frage der Verortung schwer beantworten. Ich hoffe, dass wir uns, wie bisher geschehen, bei Leuten durchsetzen, die eine Abwechslung zu schätzen wissen und Melodien mögen. Aus welcher Szene die kommen ist mir ziemlich egal, so lange es keine Nazis sind. Wir kommen eben auch aus keiner Schule oder Strömung, was sowohl gut, als auch nachteilig wirken kann. Fakt ist, dass wir noch ein paar gute Platten aufnehmen wollen, die besser sind als unsere alten. Da wollen wir hin.
SJM: Versuche doch bitte mal, die Kraft zu beschreiben, die jeden von euch Musik machen lässt? Was bedeutet Musik für euch als Musikkonsumenten und (im Gegensatz dazu?) für euch als ´Macher´? Welchen Stellenwert nimmt die Musik generell in eurem Leben ein?
Alex: Ich glaube letztlich ist Musik für uns alle das Wichtigste, obwohl wir auch viele andere Sachen nebenbei machen ...Studium, etc. Timo, Lars und ich spielen ja jetzt schon 10 Jahre zusammen und können gar nicht mehr ohne diese Band. Selbst nach fundamentalen Rückschlägen oder zu der Zeit, als wir in ganz Deutschland verteilt lebten, hörten wir nie auf, irgendwelche Projekte zu machen. Das hat Hans sicher auch schon angesteckt, da er sich seit etwa 3 Jahren beständig und umfassend bei uns engagiert. Die Kraft, sich immer wieder gemeinsam aufzurappeln und neue musikalische Ziele zu verwirklichen, hält das zusammen.
Der Stellenwert von anderer Musik variiert bei jedem von uns. Lars ist eher ein Macher und beschränkt seinen Konsum eher auf die Sparte Gitarren-Alt-Rock (dafür um so intensiver), Hans hört quer durch den Garten und Timo und ich sind ziemlich auf Punk und Indie eingeschossen. Hinzu kommt, dass jeder für sich ziemlich dogmatisch ist, was den eigenen Geschmack angeht. Lars und ich gehen seit Jahren der furchtbaren Muckergewohnheit nach, alles was wir hören, bis ins Kleinste zu zerlegen und zu diskutieren.
SJM: Zur eurer Musik und eurer neuen EP "Belladonna": Liege ich richtig, wenn ich behaupte, dass "Belladonna" für eine Zeit steht, die nicht mehr zurück zu holen ist. Gemischt mit Zuständen wie Reue, Verzweiflung, Unzufriedenheit und Rastlosigkeit. Liege ich da völlig falsch?
Alex: Wenn Du das so verstehst, dann liegst du auch nicht völlig falsch. Ich finde einen Song gut, wenn er mehrere Interpretationsebenen zulässt.
Für mich geht es einfach um einen Moment, in dem man ein Mädchen kennenlernt, von dem man denkt, es wäre die Person, welche alle Sehnsüchte, die man hat, in sich vereint. Leider bleibt es bei einem flüchtigen gemeinsamen Moment und man ist sehr traurig und denkt für immer daran zurück. Ein bisschen wie in "Zeitmaschinen" von EA80. Ich mag dieses Thema.
SJM: Beschreibe doch mal bitte, wie sich für dich persönlich die musikalische Weiterentwicklung von "Vaganten und Reneganten" hin zu "Belladonna" darstellt. Der Sound auf "Belladonna" scheint mir kompakter und die Musik ´mehr nach vorne´. Was meinst du dazu?
Alex: Wir wollten, dass "Belladonna" von lauten Gitarren dominiert wird. "V&R" hatte ein angenehm krachiges Schlagzeug, aber der Rest ist uns zu glatt geworden. Wir wollen auch in Zukunft mehr Noise in der Musik und weniger Gesänge in Radiolautstärke. Nur auf Eingängigkeit Wert zu legen, bedeutet leider auch weniger Gefühl umsetzen zu können und das fänden wir langweilig.
SJM: Würdest du mir zustimmen, dass eure Musik zu einem gehörigen Anteil melancholisch ist? Sei es musikalisch oder bezüglich der Texte. (Meine Beispiele wären da "die Autos", "A7" oder auch "bitte sag mir".)
Alex: Ja, abgesehen von unserem ersten Album sind alle Songs von uns melancholisch. Der eine mehr, der andere weniger. Wir sind glücklich, traurig zu sein ...he, he.
SJM: Ich höre auf den beiden Alben Einflüsse wie Leatherface (Anfang von "Lila will heim") und manchmal sogar ansatzweise Alkaline Trio (die Gitarren in "in deiner Wohnung") heraus. Hilf mir da mal weiter. Was WAREN eure musikalischen Einflüsse und welche SIND dies derzeit?
Alex: Wir sind eigentlich die ganz Zeit auf der Suche nach Einflüssen, versuchen dabei allerdings aus vielen Bands imposante Details in unserem Kontext zu verarbeiten. Die "Mush" von Leatherface fanden wir wirklich so gut, das wir uns vor "Belladonna" vorgenommen hatten von diesen Gitarren zu lernen. Alkaline Trio kennen wir nicht wirklich. Ich finde das Songwriting von Guided by Voices, Boxhamsters, Tocotronic oder Hüsker Dü großartig und versuche immer, gewisse Muster rauszufiltern, um mein Repertoire zu erweitern. Bei Lars, der die Produktion bei uns macht, sind das ganz andere Gruppen wie z.B. Foo Fighters oder Gitarrenbezogen auch Leute wie Jimmy Page und Brian May.
SJM: In welcher Art und Weise findet diese Beeinflussung in der Musik der Band ihren Platz?
Alex: Alle 4 versuchen ihren Geschmack bzw. ihre bevorzugten Ideen innerhalb der Songs durchzubringen und am Ende bleibt ein Kompromissstück, was keinen zufrieden stellt. He, he ...Nein, jeder bei uns vertraut auf den anderen und lässt ihm auch mal den Vortritt, aber es ist schon so das die bevorzugten Einflüsse oft grundverschieden sind.
SJM: Eine immer noch recht beliebte Frage: Wenn du deine Lieblingsalben und Faves des Jahres 2003 zusammenstellen müsstest, welche wären das?
Alex:
Guided by Voices - Earthquake Glue
Captain Beefheart - Strictly Personal
Boxhamsters - Saugschmerle
Lifeguards - Mist King Urth
The Grifters - Crappin you Negative
Blumfeld - Jenseits von Jedem
Sind zwar nicht alle aus 2003, ich entdecke hauptsächlich nicht aktuelle Sachen.
SJM: Für Leute, die Schrottgrenze bisher noch nicht kannten. Wie würdest du selbst eure Musik beschreiben? Was erwartet den (noch) unwissenden Hörer?
Alex: Wir machen angezerrte, zügige Pop-Musik mit deutschen Texten, die fast nie perfekt ist, aber dafür immer mit viel Herzblut gemacht wurde. Nicht das Originellste was man sich anhören kann, aber trotzdem ein kleines Original. Oder umgekehrt ...
Zu erwarten ist, das alles so bleibt wie vorher und das wir uns viel Mühe geben, damit die nächste Platte wieder anders klingt, als alles was man von uns kennt.
SJM: Ihr werdet in den kommenden Monaten zu großen Teilen mit den D-Sailors auf Tour gehen. Mach doch mal eine konkrete Aussage: Worauf können sich die Besucher eurer Konzerte gefasst machen?
Alex: Gefasst machen kann man sich auf 2 euphorisierte Punkrock-Bands, die jeden Abend versuchen werden, mit ihren besten Songs ein Maximum an Spielzeit zu erreichen und dabei die größtmögliche Energie freizusetzen.
SJM: Was wird nach der Tour passieren? Habt ihr schon konkrete Zukunftspläne? Was kann man von euch in diesem Jahr noch erwarten?
Alex: Nach der Tour werden wir ein neues Album aufnehmen, an dem wir schon jetzt intensiv arbeiten. Dann kommen ein paar Sommerfestivals, dann kommt hoffentlich die Platte raus und wir gehen erneut und länger auf Tour.
SJM: Das letzte Statement überlasse ich gerne immer der Band. Gibt es irgendwas, was du noch loswerden oder unbedingt gesagt haben möchtest?
Alex: Ich weiß immer nicht was ich an dieser Stelle sagen soll. Ähm, vielleicht sieht man sich ja mal. Macht's gut.
Alex, das tun wir. Und hoffentlich auch viele andere nette Menschen. An dieser Stelle weise ich meist auf die anstehende Tour der Band hin. Hatte ich an anderer Stelle aber schon, oder? Falls nicht, folgt einfach der A7. Der Flucht nach vorn...
(Dennis Grenzel himself)
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