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Oneida, Constantines - Lovelite, Berlin 04.03.2004

Es war ein üblicher Donnerstag, als sich am Abend eine unerschrockene Abordnung aus der Redaktion in das feine Friedrichshain aufmachte, um im dortigen Lovelite genüßlich einer Indie-Rockshow beizuwohnen. Das Programm klang vielversprechend, auf der einen Seite hatten wir The Constantines, die zuletzt durch ihre Scheibe "Shine a light" auf sich aufmerksam machen konnten, die auf keinem geringeren Label als dem legendären Subpop erschienen ist. Große Vorschusslorbeeren also für die Jungs aus Canada. Daneben sollten Oneida aus New York die Audienz beglücken. Ihnen eilt ein beeindruckender Ruf voraus. Böse knurrendes Rockmonster war im Vorfeld zu hören, von Verhaftungen und Krankenhausaufenthalten war die Rede. Das lies also einiges erwarten. Beide Bands hatten gemeinsam, dass ich so gut wie keinen Ton bisher zu Ohren bekommen hatte. Aber was der Redakteur nicht kennt, auf das ist er gespannt.

Als erstes waren die Kanadier am Start. The Constantines sind fünf smarte Jungs, die auf der kleinen Bühne des Lovelites eine ordentliche Präsenz hingelegt haben. Allen voran der Sänger Bryan, der performancemäßig der Mittelpunkt der Show war. Die Jungs haben in einer guten Dreiviertelstunde einen prima Eindruck ihres Schaffens geboten. Ihr Stil ist erfrischend auf dem Indie-Sektor, da sie es gekonnt schaffen, psychedelische Elemente mit Retro und klassischem Schrammelrock zu verbinden. Aufgelockert wird der Sound durch Einsatz von Synthie (oder zumindest sowas ähnlichem) und Saxophon. Kein Wunder also, dass ihre letzte Scheibe bei Subpop erschienen ist, die dort ja nach der Geburt von ca. 1000 Klassikern einen Riecher für innovative Klänge kultiviert haben. In genau diese Kategorie passen die kanadischen fünf. Die an die Wand geworfenen Projektionen unterstrichen die Assoziationen mit der Musik der Constantines, die am besten mit warm und mitreissend beschrieben werden können. Am besten gefallen haben mir die flotteren Songs, die trotz Länge von 5 min+ ganz flotte Stimmung aufkommen ließen. Ziemlich gute Show also, die durch die Dramaturgie des Frontmannes und lustige aber nicht unpassende die-Hände-zum-Himmel-Einlagen geprägt war. Für die Band lief die Show wohl auch recht gut. Zum einen konnte man auf einen druckvollen Sound zurückgreifen, der für diese Art der Musik auch unabdingbar ist. Zum anderen war das Publikum, das reichlich aus weiblichen Zuschauern bestand, schnell von der Band eingenommen. Die Stimmung war jedenfalls ordentlich. Wieviele Besucher wegen The Constantines alleine gekommen waren, ist unklar, aber einige neue Fans haben sie an diesem Abend sicher dazugewinnen können.

Schließlich wurde die Spannung recht groß, als es Zeit für Oneida wurde. Keiner von uns wusste so recht seine Erwartungen einzuordnen. Hier und da war mal von einem Vergleich mit den Liars die Rede, aber auch das ist ja noch nicht sehr vielsagend. Die drei Jungs, die dann langsam mit dem Aufbau der Bühne beschäftigt waren, sahen so gar nicht nach Mitgliedern eines böse knurrenden Rockmonsters aus. Man rätselte, ob das schon die Musiker waren oder nur die Knechte, die die Bühne bereiteten. Aber wie erwartet bei Bands dieser Größenordnung gab es natürlich keine eigens mitgebrachten Aufbauhelfer, sondern die Jungs mussten selbst ran. Ich persönlich hatte mehr ungewaschene Tätowierfanatiker erwartet, aber stille Wasser sind bekanntlich tief und hier wurden neue Tiefen entdeckt...
Die Instrumentierung war recht spärlich, Schlagzeug, Bass und Synthie, abgewechselt mit der Gitarre waren die Werkzeuge der Zerstörung, die Oneida benötigten. Denn die fing kurz darauf an. Der Trommler gab den Takt vor und dräschte dafür derart unmenschlich auf sein Minidrummkit, dass einem Angst und Bange werden konnte. Erstaunlicherweise hörte er damit auch fast die gesamte Spieldauer über nicht mehr auf. Zusammen mit den Drums setzte auch bald ein intensives Krachinferno ein. Das Intro dauerte gute 15 Minuten und war ein nicht zu bändigender Bastard aus Rückkopplungen, Abriss-Sounds, menschlichen Stimmen und als konstantestes Element die Drums. Das Ergebnis war ein waberndes Soundgebräu von unglaublicher Dichte, es brodelte an allen Ecken und Kanten, das alles festgehalten von unzerstörbaren Rhythmen. Hier war es also doch, das böse knurrende Rockmonster. Passend hierzu gab es eine hektische und düstere Videoperformance an der Wand. Nach dem Intro und einer kurzen Pause bewegte sich das Spektakel in seiner nächsten Runde etwas weg von wabernden Soundwänden mehr in Richtung tanzbarerer Klänge. Das tanzbare daran war im wesentlichen der Rhythmus, wozu eine Instrumentalisierung geboten wurde, die fast in eine Richtung Techno mit richtigen Instrumenten reichte. Der Mob jedenfalls nahm es dankbar auf und tatsächlich wurden hier und da Hüften geschwungen. Die weitere Performance bewegte sich im wesentlichen zwischen diesen beiden Polen. Zwei bis drei Songs nach althergebrachten Strukturen gab es auch - so eine Coverversion von den Greatful Dead-, die allerdings nicht auf eine volle Noise-Schelle dazu verzichten mochten. Hier wurde allerdings klar, dass mit der Hilfe ein wenig konventioneller musikalischer Mittel ebenfalls ein extremer Sound erreicht werden kann, der allerdings den rein experimentellen Status hinter sich gelassen hat. Wenn in dieser Richtung die Zukunft der drei Noise-Wissenschaftler liegen sollte, dann könnte ich mir auch tatsächlich hörbare Studioaufnahmen vorstellen, die trotzdem noch extrem as extrem can be sind. Die Liars wurden hier übrigens schon vor Frühstück mit offenen Mündern hinter sich gelassen. Die Show des Trios war beeindruckend, auch sie konnten bei allem Inferno auf einen druckvollen Livesound zurückgreifen, sie war anstrengend für die Hörerschaft, die nach der Hälfte zur Hälfte den Saal bereits Richtung Theke verlassen hatte. Den total dichten Großes wäre möglich, wenn die Energie dieser Band im Studio umgesetzt werden könnte. Dann erwarten uns radikale Aufnahmen, die sich nicht unter der warmen und sicheren Decke des Indie-Mainstream-Rocks verschanzen, sondern den rohen, ungefilterten Kern dessen repräsentieren, was am Anfang von Gitarrenmusik stand und vielleicht am Ende wieder rauskommt. Puh.
(Elmar)