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Katzenstreik - 28.02.2004

Katzenstreiks neuestes Werk "...solves your Problems!" kommt gerade frisch aus dem Presswerk und dürfte die bisher erschienenen Alben locker in den Schatten stellen. Die Band ist musikalisch gewachsen. Das zeigt sich ganz deutlich. Ich kann natürlich niemanden zwingen, diese Platte zu kaufen. Könnte ich es, würde ich das auch tun. Man würde sich damit einen Gefallen tun. An deutschsprachiger Musik liegen Katzenstreik ganz weit vorne. Die Jungs sind im Moment auf Tour. Man sollte sich das Erlebnis in seiner Stadt einfach mal gönnen. Ganz ungezwungen. Hier Rede und Antwort von Bolle, der so freundlich war, sich die Zeit zu nehmen:

SJM: Here we go: Würdest du dich bitte mal kurz vorstellen und sagen, welche Aufgabe du in der Band übernimmst.

Bolle/KS: Bolle, ja das bin ich, spiele Gitarre und singe und bin zuständig für den Bandspirit.

SJM: Gib doch mal einen kurzen Überblick über die Biographie der Band Katzenstreik.

Bolle/KS: ´97 haben wir angefangen. 3 Pladden haben wir gemacht, die erste hieß "Katzenstreik", die 2. "Emowürstchen", die dritte ist gerade raus im Februar und heißt "...solves your problems!". Wir haben in Göttingen angefangen, alle schon zusammen gewohnt in der einen oder anderen Konstellation, haben zusammen Gruppentherapie gemacht, waren auf Demos etc, Konzerten. Das waren damals Tobi, Hagen und ich. Jörg ist seit der 2. Pladde dabei. Jörg wohnt in hh, Tobi in hb, Hagen und ich in gö.

SJM: Wie seid ihr eigentlich auf den Bandnamen gekommen und was steckt dahinter? Irgend ein Grundgedanke?

Bolle/KS: Der Name kommt von "wildcatstrike". Das kommt aus dem Anarcho Syndikalismus, England oder Kanada, und ist ein Begriff für spontane, nicht lang geplante Streiks, die an vielen Orten gleichzeitig ausbrechen. Wir wollten einen deutschen Namen, und Katzen mögen wir auch sehr, und es gibt halt diesen politischen Bezug, den wir alle haben, der uns sehr wichtig ist.

SJM: Vor dem Release eurer ganz neuen CD " ...solves your problems!" gab es ja ein kleines Durcheinander bezüglich der Finanzierung der Platte. Warum erscheint die Platte nun auf Mitwirken von 5 Parteien? Muss sich eine Band wie Katzenstreik Gedanken darüber machen, wie und wo sie ihre Platten veröffentlicht und wie sie das finanziert?

Bolle/KS: Ja natürlich, wir sind keine große Band und haben alle nicht viel Geld, gerade genug um davon zu leben. Mit vielen Labels eine Platte zu machen erfordert auch viele Absprachen, aber wir haben zu den Leuten einen Bezug, das sind Freunde von uns oder Leute, die wir mögen oder deren Kurs wir gut finden. Danke noch mal für die finanzielle Hilfe. Auch an die anderen Menschen, die uns Geld geliehen haben.

SJM: Ihr beschreibt ja die Musikrichtung, in die ihr geht, als Mischung aus Emo und Punk. Ich kenne eine ganze Menge Bands, die sich vor ersterem Begriff (und seiner derzeitigen Auslegung) scheuen. Ihr dagegen macht keinen Hehl daraus?

Bolle/KS: Na ja das ist erst mal nur so ´ne Beschreibung, damit die Leute so grob wissen, worum es geht musikalisch. Keiner von uns würde aber sagen: "Wir sind Punk oder Emo." Und obwohl das auch eine Lebenseinstellung ist, die sich musikalisch ausdrückt, ist uns das nicht so wichtig wie das dann letztendlich genannt wird. Es geht darum, was dahintersteckt, wie wir leben, lieben, arbeiten etc. Nenn es Punk, Soul, Emo, aber dieser Wille nach Veränderung, Transformation, der ist wichtig. ´95 war Emo was ganz anderes als heute. Da war das noch nicht so verkauft. Das war einfach so ne neue Bewegung, hey, es gibt auch andere Gefühle außer Hass und Aggros und andere Musik außer Knüppel. Also, wenn die Leute mich fragen "Seid ihr Emo?" sag ich meistens "Nee , Punk." und umgekehrt, aber so als grobes Label ist das okay, aber letztendlich gibt es da keine Kategorien oder Wörter. Die Handlung ist wichtig. Also ist es nicht wichtig, das so zu nennen aber auch nicht schlimm.

SJM: Kann es sein, dass ihr dem Begriff ein ganz anderes Grundverständnis zugrunde legt? Was würdet ihr jemandem antworten, der sagt, eure Musik sei "emo" im weitesten Sinne, weil die Musik gefühlsecht, unverfälscht und gänzlich menschlich ist?

Bolle/KS: Lass uns nicht so lange auf diesem Wort rumreiten, das ist echt nicht so wichtig. Was ich noch sagten wollte: Wenn es Mode wird, wird es komisch. Dann sind die Leute Emo und ziehen sich so und so an, und die Punks finden die scheiße und umgehrt, aber das ist eher so Sandkastenstyle, halt das menschliche Problem, dass wir uns immer gerne abgrenzen und auf das Äußerliche achten. Was du gesagt hast ist wichtig: einfach authentisch sein wie man halt gerade so ist, dann brauch man keine Labels mehr dafür. Wenn man jung ist spielt das noch so eine gewisse Rolle, okay, ich hab jetzt die Identität, das ist auch wichtig, aber später verliert das an Wichtigkeit und man macht einfach die Sachen, sei das Punk, Emo, ich weiß nicht?!

SJM: Zum Plattentitel " ...solves your problems!": Katzenstreik-Ironie pur oder ist die Platte wirklich besser als Alkohol?

Bolle/KS: Also erst mal nix gegen Alkohol. Kein Problem, ich find´s nur schade, wenn die Leute sich damit auf die ein oder andere Art abtöten. Nee, der Titel ist eher ironisch gemeint, es gibt so ein Getränkt... Da steht das wirklich drauf. Ds fanden wir so doof, das haben wir übernommen. Ich meine das spricht doch für sich, wenn auf einem Produkt steht: löst alle deine Probleme. Das ist absurd. Wir sind keine Helden, die glauben, sie können die Welt retten, aber wenn jemand von unserer Musik Kraft bekommt, super. Der Titel beinhaltet also auch ein bisschen Konsum-, Kapitalismus-Kritik.

SJM: Wie sehen die ersten Reaktionen auf eure Platte aus? Gibt´s da verschiedene Ansichten? Wenn ja, welche? Ihr seid ja im Moment auch wieder auf Tour: sprechen euch die Leute auch auf die neuen Songs an? Was gibt´s da für Rückmeldungen?

Bolle/KS: Also, die Platte ist sehr neu. In so fern gibt es noch nicht so viele Rückmeldungen. Die Leute, die was gesagt haben, fanden sie sehr gut. Also kommt gut an. Ich mag diese Platte sehr. Ich glaub wir haben einfach alles reingegeben und das kann man auch hören. Aber du hast auch immer Leute, die sagen, "Was ist das für´n Scheiß?" Ich persönlich sehe das so: Wenn wir Songs machen oder spielen, konzentrier ich mich in erster Linie auf "Okay, was will ich machen, ausdrücken?! Und einfach konzentrieren und alles in die Musik tun". Dann erst kommen die Leute, wobei ich mich über Anerkennung sehr freue und das natürlich auch aus diesem Grund mache, aber nicht nur.

SJM: Ich persönlich meine ja, dass Katzenstreik vom laut-leise-Schema bezüglich der Musik weggekommen sind, tighter und durchgängiger klingen. Wie würdest du selbst den musikalischen Wandel von "Emowürstchen" hin zur neuen Platte beschreiben?

Bolle/KS: Wir rocken mehr, wollen mitreißen. Wir gehen mit unseren Verletzungen anders um, die Trauer ist gewichen und eine unglaubliche Lebensfreude ist da, Aufbruch, los, was machen, rocken, aaaaah, verstehst du?! Beides ist wichtig. Wir haben uns beim Songwriting mehr Gedanken gemacht, eh ist das nicht langweilig? Mich kickt die Platte, wenn ich die höre und sie macht mir Mut, mich wieder aufzuraffen.

SJM: Die Linernotes der neuen Platte besagen, dass das bandinterne Arbeiten manchmal schon nervig sein kann, da die Ansichten über Musik da manchmal ganz schön auseinander klaffen. Man sieht es ja an den deutsch-englischen Texten. Was für Einflüsse treffen da aufeinander? Ist Katzenstreik ein Kompromiss all seiner Bandmitglieder oder die Summe aller Bandmitglieder?

Bolle/KS: Ich seh´ das nicht ganz so. Ich finde wir haben eigentlich einen großen Konsens zusammen. Das ist sehr gut. Und wir behandeln uns im Großen und Ganzen respektvoll, also keiner wird doof angekackt, wenn er einen Fehler macht, aber es gibt auch Kritik und wir können auch noch im Umgang miteinander viel lernen. Das ist ein Prozess, der nie aufhört. Also so weit klaffen da die Ansichten nicht auseinander. Aber klar, eine Band ist ein Kompromiss. Es läuft nicht immer so wie man das will, aber wir schnacken darüber bis es ok ist. Ich schreibe die Texte intuitiv, also ohne viel zu denken, und dann kommt manchmal was englisches mit rein, ich bin selber manchmal ein bisschen verwundert, was da rauskommt, aber am Ende ergibt es immer einen Sinn und das mag ich. Das ist so ein bisschen wie der Flow beim Hiphop: Du schreibst erst mal ohne Scheren und dann guckst du noch mal, kann man das nehmen? Für mich ist das ein natürlicher Prozess. Wir setzen uns nicht so hin und denken: "Wir müssen das jetzt so und so machen." Alle bei uns machen das, was sie am besten können. Das ist sehr unkrampfig geworden, aber klar, auch immer wieder mal schwierig.

SJM: Laut deiner Definition ist Musik ja die Umwandlung dessen, was man an sich selber hasst. Erkläre mir das doch mal. Auf der einen Seite steht da, dass es euch in der Musik keinesfalls um Profit geht, jedoch auch, dass es schon entspannter wäre, nicht immer über Geld nachdenken zu müssen. Wie geht das konform?

Bolle/KS: Also ich möchte das noch mal ausdrücklich sagen: Dieser Satz ist keine Definition. Ich meine nur, dass man mit Musik viele Gefühle umwandeln kann in etwas Konstruktives, selbst die derbste Krise, Selbstmordgedanken. Man kann das umwandeln, das kann passieren, aber das ist nicht unser ausdrückliches Ziel. So, und der andere Punkt ist, dass man viele Dinge, die man an sich selbst nicht mag, nach außen projiziert, auf andere, auf Politik, auf alles. Das ist gefährlich, weil man so der wirklichen Auseinandersetzung immer ausweicht. Und so kann nichts passieren. So kann ich nix ändern. Nix. Das ist der Mechanismus von Rassismus, und den gibt es bei uns allen. Wir müssen alle bei uns anfangen, das ist doof manchmal, aber so ist es. So. Das heißt aber nicht, dass man außen nix mehr kritisieren darf, sondern man kümmert sich um seine Probleme, regelt sein Leben und das ist gleichzeitig sehr gut für die anderen und wenn's Ärger gibt spricht man sich aus, aber fair. Deine Frage zu dem Geld ist kein Widerspruch für mich. Wir machen diese Musik nicht, um reich zu werden, um für uns persönlich Geld zu verdienen. Wir brauchen das Geld für die Band, die nächste Platte, es geht nie um ein Plus für uns, sondern darum, dass die Band weiterläuft. Wir haben Schulden und kriegen gerade mal so alles wieder raus. Darum geht's. Es wäre entspannter für uns, wenn wir mehr Geld hätten, für die Musik, Hagens Auto etc. Ich persönlich habe nix dagegen wenn Leute sich entschließen, mit ihrer Musik Geld zu verdienen, ich glaube, dass das sehr schwierig ist und am Ende viel, wenn nicht sogar alles, kaputt macht. Also, ich würde das nicht machen, aber ich steh auch nicht vor der Entscheidung. Aber man braucht es, um zu rocken.

SJM: Auf " ...solves your problems!" erlebt man Katzenstreik - für mich erstmalig auffällig - in Situationen, die sich vor einem Scheideweg abspielen: Enttäuschung. Erkennen. Zweifel. ("Macht das alles Sinn?"). Würdest du mir Recht geben, wenn ich behaupte, Katzenstreik bieten mit dem neuen Album mehr Angriffsfläche und wirken verletzlicher oder liege ich da vollkommen falsch?

Bolle/KS: Weiß nicht so genau. Also für mich war die "Emowürstchen" mehr Angriffsfläche, weil wir in der Punkszene als Männer rausgegangen sind und gesagt haben: Ich bin als Kind missbraucht worden, ich fühl mich soundso. Für mich haben die neuen Sachen alle etwas sehr Positives, also mehr: Los, boy, geh los, du meckerst aber du gehst! Ja, es gibt einen tiefen Sinn, manchmal fühlt man ihn nicht und dann fragt man: Ey, macht das hier Sinn? Was soll das? Und in dem Moment, wo du es ausgesprochen hast, ändert sich was. Also wenn wir so was sagen, bedeutet das nur: Wir beschäftigen uns mit den Fragen des Lebens. Hey, aber wir sind lang nicht mehr so depressiv wie früher, da ist ein gewaltiger Unterschied.

SJM: Unsere "populäre" deutsche Szene besteht aus Bands wie Kettcar, Tomte, Muff Potter, The Wohlstandskinder und einigen anderen. Wie würdet ihr euch da einordnen und vor allen Dingen: wie seht ihr da eure Chancen als Band? WILL sich Katzenstreik überhaupt durchsetzen oder was ist die Grundintention eurer Musik?

Bolle/KS: Wir ordnen uns gar nicht ein. Wir spielen, machen Lieder und dann gucken wir was passiert. Das spricht dann für sich. Darauf vertraue ich. Also, ich finde das, wie es gerade ist, super. Wir werden bekannter und müssen uns dafür überhaupt nicht verbiegen. Aber wir machen auch mehr Promoarbeit, also Hagen und Tobi. Man lernt halt dazu über die Jahre. Aber wir gehen da nicht so ran: Ey, wir müssen jetzt groß werden. Auch wenn es solche Gedanken und Wünsche gibt, aber mein Glück hängt nicht davon ab, ob wir berühmt werden, und ich glaub´ auch nicht daran. Aber so, wie es gerade läuft, ist es super. Ich freu mich auch, dass du dich für uns interessierst. Merci.

SJM: Was ich bei " ...solves your problems!" interessant finde: Was würdet ihr persönlich den Leuten, die eure Platte noch nicht kennen, sagen, was sie auf der Platte erwartet? Und noch wichtiger: was wollt ihr den Leuten mit eurer Musik mit auf den Weg geben? Katzenstreik scheinen mir da einen wichtigen Auftrag und ein wichtiges, aufrechtes Anliegen zu haben...

Bolle/KS: Ja, da gibt es was. Aber die Pladde spricht für sich, die Leute werden inspiriert oder nicht. Das liegt nicht in unserer Hand. Ich persönlich möchte die Menschen ermutigen: Wir können uns zusammen tun gegen Isolation, Selbstmord und gucken, dass wir uns alle weiter entwickeln. Ich hab viel Scheiße erlebt und sehr viel Lebensfreude und irgendwie möchte ich anderen helfen. Es gibt einen Weg da raus! Klar, das tut weh, aber es geht raus, es gibt Hoffnung, es gibt Heilung. Aber es ist am besten, wenn man das einfach lebt, verkörpert. Dann braucht man die Leute nicht vollquatschen, das wird auch schnell lächerlich. Sie sehen einen und dann können sie selbst entscheiden, wie sie damit umgehen. Z.B. einen sexuellen Missbrauch oder wenn wer stirbt. Das haut einen um, aber es gibt auch immer einen Weg da raus. Darum geht's. Das ist etwas Wunderbares.

SJM: Was treibt euch alle dazu, Musik zu machen? Da ist unter anderem von "spirit" die Rede, nicht nur bandintern, sondern auch zwischen Band und Publikum bzw. Musikkonsumenten? Was ist das für eine Kraft, die keiner von uns sehen kann und wozu ist diese Kraft imstande?

Bolle/KS: Ich glaube das ist etwas, was tief in jedem Menschen verwurzelt ist. Die gleiche Kraft, die uns auf der Erde hält. Wir fallen nicht in den Himmel. Wenn wir uns alle zusammen reißen und uns Mühe geben , auch mal über unseren Schatten springen, aufrichtig sind und uns wirklich verändern wollen. Das ist der größte Schatz, den es gibt: diese Möglichkeit ist immer da, diese Entscheidung ist immer da, immer. Okay , leide ich jetzt oder mache ich was? Und dann gibt es diese Momente, wo viele unterschiedliche Menschen aus irgendeinem Grund was zusammen auf die Beine stellen. Und das rockt! Wir können viel mehr machen als wir denken. Das Potenzial ist unendlich, aber die Schwierigkeiten sind es auch. Diese Kraft kann man nicht sehen, das ist auch nichts Esoterisches oder so ein Quatsch. Das ist einfach Lebenswille. Und Punkrock. Ich kann das fühlen.

SJM: Was liegt bei euch in diesem Jahr noch an? Habt ihr schon Pläne, die über die Veröffentlichung der Platte und die Livebetankung sämtlicher Städte in der Republik mit eurer Musik hinaus gehen?

Bolle/KS: Als Band nicht.

SJM: Das letzte Statement ist eures. Irgend etwas, dass ihr noch loswerden und gerne gesagt haben wollt?

Bolle/KS: Danke für dein tolles Review und für das Interview. Lauter "views", ey. Schluss mit Lethargie, rocken! Peace, danke!


Ja. Oder? WIE man rocken kann, das sollte jeder selbst herausfinden. Und das lernt man auch nicht im Film "School Of Rock". WO man allerdings zu Katzenstreik rocken kann, das ist bekannt. Man schaue unter "Tourdaten" nach.

(Dennis Grenzel)