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Appleseed Cast - 05.02.2004 Köln, Underground

Just in deutschen Landen angekommen, hatten The Appleseed Cast ihren ersten Gig im Underground zu Köln zu absolvieren. Sichtlich angeschlagen von dem langen Flug und der Fahrt nach Köln trafen sie gegen 20.30 Uhr ein und bescherten im nicht ganz ausverkauften Underground einen Gig, der sich gewaschen hatte. Eröffnet wurde mit den beiden Zugpferden des aktuellen Albums "fight song" und "innocent vigilant ordinary". Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, doch trat mir nach dem Konzert Aaron Pillar entgegen, bereitwillig, sich einigen Fragen zu stellen. Im Backstagebereich mixte er sich erst einmal einen Vodka-Irgendwas und äußerte sich zum Thema "Appleseed Cast", "Two Conversations" und allem, was dazu gehörte. Man lese selbst:


SJM: kannst du uns bitte erzählen, wie und wann Appleseed Cast losgelegt haben? Wer war damals und wer ist in diesen Tagen an Bord?

Aaron/AC: Die Original-Besetzung bestand aus mir und Chris, Louie und Jason. Das war unsere erste Besetzung und diese existierte, bis wir das erste Mal hier in Europa auf Tour waren, so ungefähr bis vor 4 Jahren. Louie hat die Band dann verlassen, hat geheiratet und ist wieder zur Schule gegangen. Und dann kam auch schon Josh dazu. Als wir wieder zu Hause ankamen, ist Jason von Kansas wieder nach Kalifornien gezogen. Er ist mittlerweile auch verheiratet und, soweit ich weiß, geht es ihm ziemlich gut. Das kann man über unser Original-Lineup sagen.

SJM: Ich habe Appleseed Cast das erste Mal live mit Jimmy Eat World gesehen, kurz bevor ihr "mare vitalis" veröffentlicht habt. Ich glaube das war der Punkt, an dem viele Leute hier in Europa auf euch aufmerksam wurden. Würdest du sagen, dass diese Tour mit JEW euch geholfen hat, hier langsam populärer zu werden?

Aaron/AC: Also, ohne diese Tour, ich würde nicht einmal sagen, dass das an JEW gelegen hat, sondern an der Tatsache, dass wir überhaupt mal 4 Wochen am Stück getourt sind. Wir haben die ganzen Promoter kennen gelernt, im Besonderen unseren Promoter Ralf von 2 For The Road und das hat uns irgendwie die Tür geöffnet. Da gab es dann auf einmal Leute, die gesagt haben: "Okay, wir machen was für die Jungs. Die sind zwar noch nicht erfolgreich, aber ich mag sie, weil sie einfach in Ordnung sind." Und das war wohl das Erfolgreichste während dieser Tour. Hätten wir diese Tour nicht gemacht, wären wir wahrscheinlich auch nie wieder hier in Europa gelandet. Das ist jetzt unsere 4. Tour hier. Ich kenne eine Menge Bands, die noch nie die Möglichkeit hatten, hier auf Tour zu gehen und wir sind ziemlich dankbar, dass wir Ralf getroffen haben und uns diese Chance geboten wurde. Das war der Grundstein.

SJM: Nun, man kann nicht gerade behaupten, Low Level Owl I+II wären normale Alben. Das sind schon regelrechte Indierock-Werke. Wie kam es dazu, dass eine Band wie ihr sich das leisten konnte, so lange ein Studio in Beschlag zu nehmen und dann noch mit 2 Alben da rauszukommen?

Aaron/AC: Es ist so, dass wir lediglich 9 Songs hatten, als wir damals ins Studio gingen. Chris hat sich öfters hingesetzt und was auf der Gitarre gespielt und ich bin dann einfach eingestiegen und am Ende kam ein neuer Song dabei heraus. Wir kamen beispielsweise in eine Situation, wo zwischen Track 1 and Track 3 vier Minuten zu füllen waren. Ich habe dann einfach angefangen, das zu spielen, was mir einfiel und dann hieß es: "Okay, that´s cool. We´ll record it." Und dann kam ein anderer und sagte: "Hey, ich habe was passendes auf dem Klavier dazu." Die ganze Sache war also sehr spontan, die Musik kam von Herzen und wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, was im Endeffekt dabei rauskommen würde oder müsste. Das ist der Grund, warum die Leute diese beiden Platten so mögen: sie sind ehrlich und gänzlich "pure". So lief das einfach, hehe.

SJM: Gibt´s da eine grundlegende Idee, die hinter LLO I+II steckt. Der Sound der Band hat sich im Vergleich zu "mare vitalis" schwer verändert und der ganze Aufnahmeprozess schien eine Menge mit "ausprobieren" zu tun zu haben. Neue Instrumente und Sounds zum Beispiel. Kannst du uns was über die musikalischen Entwicklungsstufen zu der Zeit erzählen?

Aaron/AC: Naja, genau zu dem Zeitpunkt hat Chris sich eine neue Gitarre gekauft. (fragt Chris: "Hey, was für eine hast du dir da neu zugelegt?") Ja genau, und im Studio hatten wir eine Menge ´softe Gitarren´ und die Idee, daraus so eine lange Nonstop-Session zu machen, war nicht geplant, sondern kam mit der Zeit einfach auf. Ed Rose meinte auch dazu: "Wow, das wäre eine tolle Sache! Das machen wir!" Irgendwie hat das "nonstop-noise thing" dann geklappt und wir waren alle verdammt zufrieden damit und kamen so aus dem Studio.

Wie entsteht ein Song eigentlich bei euch. Wie funktioniert das mit den komplexen Arrangements? Das kann doch nicht die Idee eines Einzelnen sein, der einfach nur ein Riff im Kopf hat?!

Aaron/AC: Nein, da hast du schon Recht. Nehmen wir mal als Beispiel den neuen Song, den wir heute Abend gespielt haben: Chris hat den ersten Part geschrieben, Josh dazu Schlagzeug gespielt, ich Gitarre. Dann kamen da noch 3 Parts dazu und wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie oft welcher Part vorkommen soll. 4, 6, 8 Mal, wir haben es so entschieden, dass die Entscheidung letzten Endes für uns alle vertretbar war und wie es sich richtig angefühlt hat. Wir fangen dann einfach an zu jammen, beschäftigen uns 2 Stunden oder so mit dem Song und dann steht die Entscheidung meistens auch schon. Wir sind eine Jam-Band und wir probieren dann, den Song live umzusetzen, um dann eine konkrete Vorstellung zu haben, wie wir das dann am Ende im Studio machen. "Hey, eight times is too much, let´s do it four times." Irgendwie trifft man dann eine Entscheidung. Möge sie richtig oder falsch sein. Meistens war sie richtig, weil wir so lange an einem Song gesessen haben.

SJM: Einfach mal eine These: Appleseed Cast sind in der Lage, eine gehörige Portion Atmosphäre in die Songs einzubauen. Das schaffen nur verdammt wenige Bands in dem Maße. Was meinst du dazu?

Aaron/AC: Oh man, ich glaube, dass ich da verdammt Glück gehabt habe, so jemandem wie Chris zu begegnen. Wir haben schon länger Musik gemacht, aber mit der Zeit lernten wir uns immer besser kennen. Ich habe ihn kennen gelernt, da war er gerade mal 25 Jahre alt. Und wir haben einfach das gespielt, was uns beiden am besten lag und am besten gefallen hat. Wir versuchen nicht bewusst Musik zu machen, die besonders tiefsinnig ist. Wir machen schlichtweg Musik, an die wir glauben und von der wir erhoffen, dass andere sie nachvollziehen können und sich ihre eigenen Gedanken darüber machen. Wir wollen keine Songs schreiben, bei denen wir und vorher denken: "Hey, der Song handelt jetzt von einer Trennung oder so." Chris schreibt die Texte und die sind manchmal schon sehr vieldeutig. Die Hörer können mit den Texten sehr viele Dinge in Verbindung bringen. Die Texte können schon sehr nachdenklich machen. Sie sind individuell und jeder kann daraus seinen eigenen Sinn ziehen. Natürlich hat das alles mit Gefühlen zu tun und wir schreiben ausschließlich Songs, die von Herzen kommen und versuchen nicht, einen Song zu schreiben, der sich so ähnlich anhört wie das, was wir gerade mögen. Man würde nie von uns hören: "Hey, komm, lass uns doch mal was poppiges machen, was sich so anhört wie die Band XY."

SJM: Genau das Thema: Was hört ihr eigentlich für Musik? Würdest du sagen, dass diese einen großen Einfluss auf den Output von The Cast hat?

Aaron/AC: Puh, schwer. Lass mich nachdenken. Bezüglich der Gitarren kann ich sagen, dass Chris schon sehr von The Cure beeindruckt ist. Irgend ein The Cure-Ding geht da bei ihm ab. Das ist aber automatisch so, wenn du mit einer bestimmten Musikrichtung aufwächst. Da bleibt so oder so was von hängen. Und bei mir, mmh, also meine Lieblingsband war damals Depeche Mode. Dieses dunkle, beklemmende Gitarrenspiel, ja. Und Low, weil Low so "simple and so little" spielen können, der Song aber trotzdem so depressiv oder auch so fröhlich oder verrückt ankommt. Die müssen keine aufwendigen Sachen spielen, um einen Song emotional zu gestalten. Und diese beiden Bands haben mich halt geprägt und sind wahrscheinlich jetzt noch dafür verantwortlich, ob ich in einem Part irgendetwas frickeliges spiele oder ob ich einfach auf einem G stehen bleibe, gänzlich simpel eben.

SJM: Warum habt ihr die Entscheidung getroffen, Deep Elm zu verlassen. Als Außenstehender kann ich nur sagen, dass ich den Eindruck hatte, dass sie euch ideal unterstützen würden und maßgeblich daran beteiligt waren, dass ihr als Band populärer wurdet. Warum der Wechsel und warum der Wechsel gerade zu Tigerstyle und Gentlemen Records?

Aaron/AC: Wir haben 4 Platten da gemacht, die Hundred Hands-EP, den "lost songs"-Stuff. Wir wollten einfach sehen, wie andere Leute arbeiten und was wir selbst noch erreichen können. Bis dahin hatten wir das Gefühl, diese Chance noch nicht wahrgenommen zu haben. Wir haben uns gesagt: "Lass es uns einfach ausprobieren und schauen, was passiert." Bei Tigerstyle Records passierten dann ein paar Dinge, auf die ich schon lange gehofft hatte. Das ist gewiss nicht das Ende der Fahnenstange, aber es ist verdammt okay.

SJM: Eure Texte scheinen vorwiegend persönlicher Natur zu sein, nur als Beispiel eine Trennung. Ein Statement zu den Inhalten oder den Texten an sich von dir? Ich hab´ mal gelesen, dass "two conversations" "2 stories and 1 statement" beinhaltet? Was ist damit gemeint?

Aaron/AC: Uh, man, Chris wäre da eigentlich die Instanz. Wir sind schon alle Teil einer konzeptionellen Idee und diese äußert sich in "two conversations". Das war so, dass die Lyrics zu diesem Album zu allererst geschrieben wurden. Die Songtitel standen also alle vorher fest. "fight song" stand also bereits, als die Musik noch gar nicht fertig war und letzten Endes ist es Chris´ Sache, auf eine bestimmte Situation so oder so zu reagieren oder damit fertig zu werden. Das ist eben sein Weg. Ich weiß nicht, ob ich richtig damit liege, wenn ich sage, dies oder das ging da gerade in seinem Kopf vor und das will ich auch nicht. Manchmal gehen Beziehungen eben auseinander und manchmal müssen sie das auch. Das ist ganz natürlich. Ich hoffe, du verstehst, wenn ich die Texte jetzt nicht auseinandernehmen will. Das ist eine Sache, die jeder mit sich ausmachen soll...

SJM: Okay, klar. Wie sieht´s mit Zukunftsplänen aus? Für Appleseed Cast und für Hundred Hands?

Aaron/AC: Mein Freund Peter und ich haben die Platte schon komplett fertig, aber Deep Elm zumindest will sie nicht rausbringen, also höre ich mich um, wer daran vielleicht Interesse hätte. Vielleicht wird Gentlemen Rec sie hier zu Lande rausbringen. Ich hoffe darauf. Es hat lange Zeit gebraucht, diese Full Length fertig zu stellen. Das wird sowas wie die elektronische Version der Debüt-EP werden. Ich hatte ´ne Menge Spaß mit Computern und Keyboards.

SJM: Und Appleseed Cast?

Aaron/AC: Da steht noch Japan aus und eine US-Tour mit Piebald im Mai und dann werden wir uns mit der nächsten Platte beschäftigen und hoffentlich bald zurück nach Europa kommen. Wir machen einfach weiter. Noch eine Tour, dann noch eine. Das scheint immer besser zu werden. Und ich bin der festen Überzeugung, dass wir unser bestes Album bisher noch nicht geschrieben haben.

SJM: Wie? Das heißt, ihr nähert euch jetzt so langsam dem besten Album an?

Aaron/AC: Schon, ja. Ich denke, die nächste Platte wird noch um einiges besser werden, wenn das so wird, wie wir uns das vorstellen.

SJM: Okay. Das letzte Statement überlasse ich dir. Gibt´s noch irgendwas, was du unbedingt loswerden oder gesagt haben möchtest?

Aaron/AC: Ja. Bitte verliert nicht das Vertrauen in amerikanische Bürger. Denkt bitte nicht, die Bürger hätten Schuld an dem ganzen Schlamassel, der zur Zeit passiert. Wir haben ihn nicht gewählt und wir haben ihn nicht gewollt. Vergesst das bitte nicht. Viele Leute haben Al Gore gewählt. Das ist ein guter Mann. Es gibt wohl eine Menge Leute, die einfach dumm sind und zu viel Fernsehen gucken und sich dadurch haben beeinflussen lassen. Die bekommen die Wirklichkeit gar nicht so mit und kümmern sich gar nicht darum, merken es vielleict nicht einmal. Sie hören nur: "Hey, George Bush is a good guy. He´s saving us." Aber das ist nicht die Realität. Und eure Nachrichten hier sind um einiges glaubwürdiger als es unsere sind. Man mag hier manchmal den Eindruck haben, dass amerikanische Staatsbürger schlichtweg verrückt sind, aber sie bekommen ganz einfach ganz andere Realitäten aufgetischt. Aber es gibt viele von uns, die schon dahinter steigen und ich bin fest davon überzeugt, dass die nächsten Wahlen zu einem gänzlich anderem Ergebnis führen werden. Es gibt da Demokraten, die definitiv damit Schluss machen werden, dass wir unsere Nase in Angelegenheiten stecken, die uns einfach nichts angehen. Das geht einfach nicht. Da wird man in Zukunft zusammenhalten müssen. Nimm allein die Wirtschaft: Wir haben so viel Geld und damit die Möglichkeit, so vielen Menschen zu helfen. Und ich hoffe, dass das in Zukunft auch geschehen wird. Dass wir jemanden in die Position bringen, der diese Sache auch zu verwirklichen weiß. Und dass wir wieder mit vielen anderen klarkommen und zusammenarbeiten. So, wie es manchmal früher der Fall war. Im Moment ist es echt gottverdammt frustrierend, jeden Abend die Nachrichten zu verfolgen und zu denken: "Oh mein Gott! Wie konnte es nur so weit kommen?" Hoffentlich bekommen wir das hin. Ich denke, vor allem die jungen Leute werden das hinbekommen. Wir werden keinesfalls aufgeben. Wenn wir das tun, ist eh alles gelaufen. Es gibt so viele Leute, die gegen die gegenwärtigen Zustände protestieren. Wir werden sehen, was passiert. "Don´t hate us!"

Werden wir nicht. Garantiert nicht. The Appleseed Cast präsentierten sich als überaus freundliche und gesellige Band. Eine musikalische Ausnahme stellen sie für mich sowieso dar. Da mache ich gar keinen Hehl mehr draus. Umso erstaunlicher die Aussicht, dass von dieser Band noch weit mehr zu erwarten ist als das Erste-Liga-Album "two conversations". Ich brenne jedenfalls. Und wir werden es alle erleben. Wem es bisher noch nicht vergönnt war, diese Band live zu erleben, der möge dieser Band doch einen Abend Zeit geben, um eingenommen zu werden. Gefangene machen sie jedenfalls nicht. Privat auch nicht. Äußerst nette Zeitgenossen, mit denen man auf jeden Fall mal auf ein Bier kann. Okay, okay, es waren 9, aber an solchen Abenden spielt das eh keine Rolle (mehr). Cheers. "A dream for me..."

(Dennis Grenzel)